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Das künstlerische System

#CaféFlorian vom 12.2.2023


Grundriss Volterra 10001 @10001arts

Das „künstlerische System“ ist eine im Zuge der letzten Besprechungen aufgetauchte begriffliche Konstruktion, die eigentlich im allgemeinen künstlerischen Kontext kaum existiert. Die landläufige Meinung ist dabei, dass System und künstlerische Individuationsich im Grunde widersprechen. So gibt es politische Systeme, Spielsysteme und sogar Systemgastronomie, aber „Kunst und System“ werden in der Regel nicht zusammengedacht. „System“ wird wohl als etwas Übergeordnetes, etwas dem Individuum Fremdes, als kafkaeske Erzählung verstanden, als Symbole des „Unpersönlichen“, denen der analoge Mensch ängstlich gegenübersteht.


SYSTEME - MÄNNERSYSTEME

Es sind besonders und schon immer die vielen vor allem männlichen „theatralen Theoretiker“ und „Welt-Bildermaler“, die da herumlaufen und sich alle nach einem System, einer „Religion der Ordnung“ sehnen - diese „alten weißen Männer“, die sich nach wie vor eifrig an ihren biologistischen Determinanten des Weiblichen abarbeiten. So scheint es die Domäne des Männlichen zu sein, sich um die Welt Gedanken zu machen, und es sind schon immer „Männerphantasien“ (siehe Klaus Theweleit), die sich „Panzer alleine dafür zugelegt haben, um sich so vor der begehrenden Frau zu schützen“ und den Körper als eine Art Souverän betrachten, der von nichts und niemand „betreten“ werden darf.

In der Kunstwelt war es der Kunsthistoriker Harald Szeemann, der durch seine Ausstellungen (Documenta) die eigensinnigen weltabgewandten Schöpfer diverser Weltbilder zeigte. Auch sein wohl stilbildender Begriff „Gesamtkunst“ vermittelte, wenn auch durchaus kontroversiell, so etwas wie „künstlerische Systeme“, innerhalb derer er unterschiedliche Positionen wie die des Architekten Bruno Taut oder des italienischen Mussolini Fan Gabriele da Nunzio versammelte.


Nannettis Mural @10001arts


Es hätte aber auch der schizophrene Patient Fernando Oreste Nannetti sein können, dessen in die Mauer einer psychiatrischen Klinik gravierten Weltbeschreibungen einem höchst eigenen „System“ folgten. Und dem wir, 10001, wiederum folgten, als wir dieses im Inneren der Klinik auf 2000 Quadratmeter Raumgröße nachempfunden haben. Wir schufen ein System auf der Grundlage eines Systems, das von einem „verwirrten Patienten“ seinen Ausgang genommen hatte. Aber auch diese merkwürdige und seltsame Kunst ist Bestandteil des machtlosen „Systems Kunst“, so wie jenes blumenumrankte Kriegsschiff, das der fragwürdige Mussolini Fan und Dichter Gabriele D`Annunzio im riesigen Garten seines Anwesens platzierte. Denn letztlich wollen und können all diese Systeme in ihrer absurden Machtlosigkeit keine Erkenntnisse zu den Problemen der Welt bereitstellen.

Und so verweigern sich diese im übrigen meist fragmentarischen Systeme in ihrer merkwürdigen Weltabgewandtheit grundsätzlich dem Schritt nach außen, indem sie sich permanent um die eigene Achse drehen und ihre Bedingtheiten nur innerhalb des Systems erleben. Auf diese Weise erklärt sich Kunst, unabhängig von Erfolg oder Anerkennung zum eigenen Leben.


SYSTEM ART BRUT

Der „Kunstgegenstand“ ist für den Künstler essentiell. Üblicherweise „erleidet“ er sein Werk“, „malträtiert“ das Objekt, welches dann in der Umlaufbahn der Kunst weiterlebt.

Auch wenn er zurückblickt und sein Werk nicht weiter festhalten kann, der genealogische Charakter von Kunst ist, auf die Welt zu kommen und sich dinglich fortzupflanzen. Dabei scheint es Realität oder Notwendigkeit, das einzelne Kunstwerk in seiner Wirkung freien Lauf zu lassen. So wie es immer war. Eigentlich alternativlos.

Während also der Künstler mit seinem Werk möglichst große Verbreitung erlangen möchte, für Geld, Haus, Auto, Familie etc., lebt der Art Brut Künstler in einer möglicherweise sich selbst genügenden entfernten Welt. Es sind dies die Antipoden einer Kunstauffassung, die sich einerseits am Erfolg oder andererseits mehr und intensiver um die innere Konstruktion eines Systems bemühen.

Systeme aber, die die Kunst von innen her umklammern, oder wo die Bestandteile des Kunstschaffens miteinander interagieren und damit ein Konstrukt oder System herausbilden, wirken sich maßgeblich auf die Beschleunigung und Geschwindigkeit aus. Sie müssen darauf Rücksicht nehmen, dass jeder einzelne Bestandteil dieser „merkwürdigen Kolonne“ sich auf einen anderen bezieht und seine eigene Gesetzmäßigkeit erfordert. Auch und erst recht im Fall eines künstlerischen Systems, das sich beispielsweise der Absicht verschrieben hat, „mediale Kunst zu senden“.

Diese Anordnungen sind für die Strategien des Kunstmarkts nicht in dem Maße erfassbar, weil Systeme so miteinander zusammenhängen, dass man gewissermaßen das Ganze, das „Schiff“ kaufen müsste. So verstand mit Sicherheit auch D´Annunzio am Ende, dass er damit etwas geschaffen hat, was für seinen Garten und seinen Palast imposant war, sich aber schließlich nicht von der Stelle bewegen ließ. Nun hatte es der reiche Adelige D´Annunzio nicht notwendig, Kunst überhaupt zu verkaufen, so wie es ja auch die „von Geburt an reichen Erben“ nie notwendig hatten, Erfolg in der Kunst anzustreben (was in den 80ern dazu führte, dass man teils von einer Kunst „der Kinder reicher Eltern“ sprach). Kunst und ein künstlerisches System, auch das von 10001, welches das immersiv Innere in den Mittelpunkt rückt, ist sicher dann am besten, wenn es sich vom ökonomischen Erfolgsdruck weitgehend unabhängig entfalten kann, ob man nun aus einer reichen Familie stammt oder in einer psychiatrischen Klinik lebt.


ARRIVA 10001 @10001arts

10001fern.sehen ist ein künstlerisches System der Machtlosigkeit, das - nicht von dieser Erde - sich gegenüber einer vereinnahmenden Repräsentation der Wirklichkeit verwahrt und nichts an den elementaren Grundfesten und Zusammenhänge der Welt ändern möchte.

So ist diese Idee von 10001 wie eine versehentliche Ankunft in einem verlassenen oder unentdeckten Haus, in dem schon alles alles überwuchert...


ex Lehmann Papiere 2023


Soweit personenbezogene Bezeichnungen nur in männlicher Form angeführt sind, beziehen sie sich auf Männer und Frauen in gleicher Weise.

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